- Die Christengemeinschaft | Michael-Kirche

Predigten

Johannesevangelium, vierzehntes Kapitel (Übersetzung Friedrich Rittelmeyer)

141»Werdet nicht unruhig in euren Herzen. Baut fest auf Gott. Und auch auf mich baut fest. 2Im Hause meines Vaters gibt es Lebensstätten in Fülle. Wenn es nicht so wäre, hätte ich dann wohl zu euch gesagt: Ich gehe hin, um euch eine Stätte zu bereiten? 3Wenn ich aber hingegangen bin und euch eine Lehensstätte zubereitet habe, dann komme ich wieder und werde euch mitnehmen hin zu mir. Dann werdet ihr auch dort sein, wo ich selber bin. 4Und wohin ich gehe: den Weg wißt ihr ja.« 5Da sagt zu ihm Thomas: »Herr, wir wissen nicht einmal wo du hingehst. Wie sollen wir da den Weg wissen?« 6Jesus spricht zu ihm: »Ich selbst bin der Weg und bin die Wahrheit und bin das Leben. Niemand findet sich zum Vater außer durch mich.

7Wenn ihr mich erkannt habt, so solltet ihr auch wissen um meinen Vater. Von nun an ist er euch bekannt. Ihr habt ihn ja gesehen.«

8Da sagt zu ihm Philippus: »Herr, zeige uns den Vater, und wir sind zufrieden."«

9Jesus spricht zu ihm: »So lange Zeit bin ich nun bei euch, und du hast mich nicht erkannt, Philippus? Wer mich gesehen hat, der hat den Vater gesehen. Wie kannst du nur sagen: Zeige uns den Vater? 10Weiß dein Herz nicht, daß ich im Vater bin, und daß der Vater in mir ist? Die Worte, die ich zu euch spreche, spreche ich wirklich nicht von mir aus. 11Sondern der Vater ist es, der in mir wohnt, und seine Werke sind es, die er selbst vollbringt. Seht doch auf mich und erhebt euch zu der Zuversicht, daß ich im Vater bin und der Vater in mir ist. Könnt ihr das nicht, so seht auf die Werke selber und gewinnt dadurch Vertrauen.

12Ja, ich sage euch, so ist es wirklich: Wer mich in sich leben läßt, der wird die Werke, wie ich sie vollbringe, auch selbst vollbringen, und größere noch wird er sogar vollbringen. Denn ich selbst gehe zum Vater, 13aber alles, was ihr bitten werdet in dem Geist, der in mir unter euch ist, das werde ich vollbringen. Dann wird im Sohn offenbar der Vater. 14Was immer ihr von mir erbitten mögt in dem Geist, der in mir unter euch ist: ich selbst werde es sein, der es vollbringt. 15Habt ihr wirklich Liebe zu mir, darin wird es sich zeigen, daß ihr euch haltet an das, was ich euch als Auftrag gegeben. 16Und ich selbst werde es vom Vater erbitten: Er wird euch einen neuen Geisteshelfer geben. Der wird mit euch sein für alle Zeiten. 17Der lebendige Geist der Wahrheit ist es. Ihn vermögen die irdisch Gesonnenen nicht in sich aufzunehmen. Denn sie sehen nichts von ihm und wissen nichts von ihm. Ihr aber wißt, wer es ist, denn bei euch weilt er. Und in euch selbst wird er lebendig sein.

18Nicht verwaist will ich euch zurücklassen. Ich komme wieder zu euch. 19Es ist nur noch eine kurze Zeit, dann sieht mich die Erdenwelt nicht mehr. Für euch aber bleibe ich sichtbar. Denn ich bin im Leben. Und ihr werdet auch im Leben sein. 20An jenem Tage wird es euch klar sein, daß ich in meinem Vater lebe und ihr in mir und ich in euch. 21Wer meine Lebensaufträge in sich trägt und sie immer im Auge behält, der zeigt damit, daß er zu denen gehört, die mich wirklich lieb haben. Wer aber mich lieb hat, dem wird mein Vater seine Liebe zuwenden, und auch ich werde ihm meine Liebe zuwenden und werde bewirken, daß er mich wahrnimmt.«

Ich bin der Weg (zum 17. Mai 2020)           Frank Hörtreiter

Die Jünger lebten zwischen der Passions- und Osterzeit viel existentieller in einer Zwischenzeit als wir heute.

Sieben Wochen von Fasching bis Ostern, sieben Wochen vom Ostersonntag bis Pfingsten. Durch mehr als sieben Wochen haben wir in diesem Jahr auf unser Zusammenkommen verzichten müssen.

Die Männer unter den Jüngern waren vom Gründonnerstag an in verzweifelter Dumpfheit »abgetaucht«, unter dem Kreuz stand neben Maria und Maria Magdalena nur Johannes-Lazarus. Und auch am Sonntagmorgen kamen die Frauen zum Grabe und konnten nur stufenweise die Jünger zum leeren Grab und zum vollen Wissen bringen.

Wenn sonst ein Mensch stirbt, darf er allmählich seine Rückschau mit der Hilfe und Liebe dessen, der unser Schicksal bejaht, nach dem Tode durchleben.

Doch nun werden die Jünger beschenkt mit der Rückschau auf das Leben Christi und erlangen so die volle Erinnerung an seine Taten und Leiden. Was sie als Bruchstücke in den drei Jahren erlebt haben, wird nun zum Ganzen, weil Christus sie am Rückblick auf sein Leben seit der Taufe teilhaben lässt. So können sie später sich arglos und ehrlich als Zeugen Christi und der Auferstehung zeigen, als seien sie selber auch dann dabei gewesen, als Jesus nicht mit ihnen zusammen war, etwa bei der Versuchung, bei dem Gespräch mit der samaritanischen Frau am Brunnen und sogar seines Ringens am Ölberg, das sie doch verschliefen! Sie sind ja dabei, indem es Ihnen der Auferstandene nahegebracht hat.

Doch nicht nur das Erinnern, sondern auch das Verständnis wird ihnen geschenkt.

Thomas, dem wir doch in seinem Zweifeln und der Sehnsucht nach Gewissheit so nahe sind, spricht in dem letzten Zusammensein mit dem geliebten Meister: »Herr, wir wissen nicht einmal wo du hingehst. Wie sollen wir da den Weg wissen?« und hört darauf Worte, die sich ihm sicherlich noch nicht erschließen können: »Ich selbst bin der Weg und bin die Wahrheit und bin das Leben.« Doch nun in den Ostertagen gewinnt er die volle Gewissheit. Er kann seinen eigenen Weg gehen, der der Weg Christi ist. Bis in die Fernen Indiens (wo noch heute die Thomaschristen leben) wird er diese Gewissheit hintragen.

Auch Philippus, der als griechisch geprägter Augenmensch sehen will (»Herr, zeige uns den Vater, und wir sind zufrieden«), wird nun in der Osterzeit die damals äußerlich gehörten Worte beherzigen:

»So lange Zeit bin ich nun bei euch, und du hast mich nicht erkannt, Philippus? Wer mich gesehen hat, der hat den Vater gesehen. – Weiß dein Herz nicht, dass ich im Vater bin, und dass der Vater in mir ist?«

Die Abfolge der Evangelienlesungen ist nur äußerlich paradox: die »Abschiedsreden« aus der Karwoche hören wir in der Osterzeit an. So können wir Anteil haben am Wiedererinnern und schließlichen Begreifen, das den Jüngern nach Ostern geschenkt wurde.

Die Zwischenzeit, die für die Jünger den Weg vom äußeren Hören zur inneren Gewissheit bedeutete, war für uns diesmal gestört durch all die Gebote des Abstandhaltens. Aber viele in unserer Gemeinde sind den Weg von der Passion in die Osterzeit desto tätiger mitgegangen, indem sie die Evangelienworte zuhause still beherzigten und zugleich wussten, dass sie am Altar erklingen. Dafür sind auch wir Priester Ihnen dankbar.

Wir sind einen Weg gegangen zu Dem, der der Weg selber ist.